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Necessary misunderstanding
"Necessary misunderstandings"
- Retitling the works of contemporary art
Blueprints Interview mit Stephan Doesinger von Gin Murakari
John Berger beschrieb in "Ways of Seeing" anhand Van
Goghs`Bildes "Weizenfeld mit Krähen" die Veränderung
der Bild-Bedeutung, wenn man darunter schreibt: „Das ist das letzte
Bild, das Van Gogh gemalt hat, bevor er sich umbrachte." Sind die
Retitles in diesem Licht zu sehen?
Ja, wenn auch das Licht der Computer- und Fernsehbildschirme, die uns
ständig umgeben etwas greller ist und andere Farben haben.
Du hast ja einschlägige Medienerfahrung - wie stehst du zu den Medien?
In den Medien gehört das zum tagtäglichen Handwerk. Es geht
darum, Bilder und Bildunterschriften so zusammenzufügen, daß
sie eine wie auch immer gartete Wirkung erzeugen. Das ist dann teilweise
erhellend, teilweise schlicht zynisch oder verlogen, teilweise nicht ohne
Ironie. Es ist sicher keine Neuigkeit, daß Politik zu einem Geschäft
der Bilder geworden ist. Die Politik der Mediokratie ist Entertainment
und Medien nehmen die Rolle der Hofkünstler ein. Kriege werden wie
Computerspiele betitelt und Zuschauer zu
Eyeballs degradiert. Es geht um die Ökonomie was gezeigt wird und
was nicht. Ästhetisch gesehen verwandelt sich dabei unsere Welt immer
mehr zu einem Computerspiel - "Lerning from Sim City", eben.
Wo ist der Unterschied zwischen Medienbildern und Kunstbildern?
Nun, da kann man vielleicht an den gerade zitierten John Berger anknüpfen.
Bezogen auf die erweiterte Tradition der Ölmalerei, die er NICHT
als Fenster zur Welt sieht sondern als Manifestation der Macht, ist es
vielleicht nicht abwegig zu behaupten, daß die Medienbilder diese
Tradition aufrecht erhalten. Die Funktion der Medienbilder ist Machterhalt.
Diese Macht, die die Kunst mal innehatte hat sie verloren. Sie ist aber
Teil der Medien für eine elitäre Zielgruppe. Ein Kunstbild "existiert"
auch nur dann, wenn es im Bildermarkt der Medien auftaucht - im Marketing
Jargon heißt das "Markt Penetration" - dasselbe gilt übrigens
auch für Museen und andere Kunstinstitutionen, die auch unter "Quotenzwang"
stehen - denn sonst werden Budgets gekürzt und Direktoren entlassen.
Kannst du das an einem Beispiel konkret beschreiben?
Ein sehr gutes Beispiel ist in diesem Zusammenhang war das Projekt von
Christo im Central Park. Das Zusammenspiel zwischen Medien-Politik und
Kunst blieb von der Oberfläche der Bilder verhüllt. Eine Verhüllung,
die sehr an den Bildervorhang erinnerte, der im 1. Golfkrieg aufgehängt
wurde, wo wir wochenlang immer die gleichen Bilder sahen, obwohl es irgendwie
klar war, daß uns die eigentlich wichtigen Bilder vorenthalten wurden.
Der Begriff "Embedded art" liegt da sehr nahe...
Zurück zu dem Ansatz der Retitlings. Geht es um einen weiteren
Ansatz von Appropriation Art a lá Mike Bidlo, Philip Taaffe, Sherrie
Levine oder Elaine Sturtevant?
Nun, erstens nimmt jeder diesr Künstler teilweise sehr unterschiedlichen
Positionen ein - aber um es zu vereinfachen: mir geht es nicht um die
Kopie oder um die bloße Aneignung von Arbeiten anderer. Im Gegenteil:
"Retitlings" macht von seinem Recht gebrauch Bilder NICHT so
zu gebrauchen wie sie möglicherweise beabsichtigt sind sie zu gebrauchen.
Es geht um ein "in Bezug stellen".
Wie wichtig sind dabei Fragen nach Plagiat, Fälschung oder Original?
Das erinnert mich an "Original pirate material" von The Streets.
Anders als in der Musik wird das Betrachten eines Bildes nicht vergütet.
Diese Begriffe haben in der Bildenden Kunst deshalb eine völlig andere
Bedeutung. Bei einer Ausstellung werden auch keine Gebühren an die
VG Bild fällig, noch hat ein Künstler Chancen, wenn er eien
Ausstellung macht, ähnlich wie ein Musiker von der Gema, vergütet
zu werden, weil er Gelegenheit bot, daß Besucher seine Arbeiten
sehen konnten.
Du greifst aber in das Werk direkt ein, sodaß diese Fragen wichtig
werden, oder nicht?
Eigentlich sind das jene Fragen, die mich nicht interessieren. Vielmehr
interessieren mich die assoziativen Elemente, die mit momentanten Erfahrungen
und Verknüpfungen zu tun haben und sich in Form "notwendiger
Mißverständnisse" äußern. Das Mißverständnis
betrachte ich als Chance für das Verständnis. Die subjektive
Wahrnehmung und Erfahrung schlägt zurück - nicht bewertend sondern
eben assoziativ. Widersprüche sind immer willkommen.
Was meinst du mit Mißverständnissen?
Dieser Prozess bedeutet für mich die Emanzipierung von der Vorherrschaft
und Inszenierung von Bildern und ihren Absichten. Die Kunst und der Künstler
muß sich den Medien bedienen und darauf hoffen im Spiegelsaal der
Medien präsent zu sein - nur dann wird der Künstler selbst zum
König. Ich möchte ein paar der Spiegel verschieben...
Aber ist das dann nicht doch ein Ansatz im Fahrwasser der Appropriation
Art?
Nein. Obwohl bei den Retitels auch andere Aspekte berührt werden
wie die Fragen nach Autorschaft, Originalität, Kreativität,
geistiges Eigentum, Signatur, Marktwert, Museumsraum, Geschichte, Geschlecht/Gender,
Subjekt, Identität und Differenz, etc. - geht es mir im Kern um die
"unmittelbare Distanz" zum Werk. "Retitles" machen
einen Prozeß sichtbar den jeder machen kann und vielleicht ohnehin
macht. Die neuen Titel verstehen sich deshalb als genauso flüchtig
und beabsichtigen nicht wiederum eine neue Absicht zu zementieren. Das
Projekt ist ein Beitrag zum Gebrauch von Bildern.
Contemporary Art ist dafür ein sehr gutes Experimentfeld, da sie
sich der Kunstbetrieb trotz seiner Abhängigkeit von den Medien immer
noch autonom gebiert. Der moderne Kunstberieb spielt sich wie ein Landlord
eines Hauses auf in dem er als Untermieter wohnt. Als Künstler kann
ich aber weder eine Arbeit mit der ich konfrontiert werde ignorieren oder
mißachten noch kann ich meine Erfahrungen und Assoziationen verdrängen
- sie zu dokumentieren ist der Beginn und gleichzeitig Fortsetzung eines
Spiels...eigentlich geht es ganz profan um diese Idee und nicht mal so
sehr um meine eigenen Arbeiten dazu - die Blueprints sind als Beispiel
zu verstehen.
Ist das eine Aufforderung auch die Blueprints umzubenennen?
Natürlich! - nicht nur die Blueprints...
Zwei letzte Fragen: Warum gerade das Haus der Kunst in München?
Ganz einfach - die ablehnende Haltung des Hauses gegen diese Idee machte
diese umso interessanter.
...warum Mc Carthy?
...es entlarvte die Prozesse und im Kern unpolitische Funktion von etablierten
Kulturinstitutionen. In die Jahre gekommene Radikalität wird aktualisiert
- ein wenig wie bei einem Revival Concert von The Who - fast verspürte
ich ein Gefühl von Mitleid. Auch die Metapher der Parodie machte
das nicht besser, weil das was als "radikal" bezeichnet wird,
bei MTV längst zur gähnend langweiligen Everyday-Comedy verkommen
ist - frei nach dem Motto "Make a bet" - Rasier deine Haare
vom Kopf und iss sie bis du kotzt... Die Arbeit von Paul Mc Carthy, die
ich gut kenne, ist deshalb eigentlich nur ein vorhandener Anlass, aber
sicher kein Grund...Der inhaltlich vielleicht bedeutenste Aspekt der Ausstellung
fand im Rahmenprogramm statt - und das war die strategisch geschickte
Platzierung zwischen Venedig und Basel.
Das war auch die eigentliche "politische" Aussage...
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